Open Braunau

DruckversionDruckversionPDF-VersionPDF-Version

Nachlese Schachopen Braunau – Psychofallen und abgebrühte Jungs

Als einziger ASK-Spieler hielt ich diesmal die Fahnen unseres Vereins beim traditionellen Weihnachtsturnier in Braunau hoch. Dieses wurde wieder im schönen Ambiente im Schloss Ranshofen durchgeführt. Fünf Runden standen in drei Wertungsgruppen in drei Tagen am Programm. Zusätzlich lief wieder ein Jungendturnier. Insgesamt gab es über 150 Teilnehmer, die Organisation war gewohnt professionell.

Die Ergebnisse können hier nachgelesen werden:

Bericht auf der Website von Ranshofen

Ergebnisse auf Chess Results

 

Hier folgt ein sehr subjektiver Bericht zu meinen Erkenntnissen am Brett:

Um die Belastung der Doppelrunden am Samstag und Sonntag gut verkraften zu können, übernachtete ich auch eine Nacht vor Ort. Und so erlebte ich 5 äußerst intensive, lang dauernde und ausgekämpfte Partien mit durchschnittlich über 40 Zügen. Mit meinem Spiel und dem Ergebnis (3 Punkte) war ich durchaus zufrieden, auch wenn ich einige ELO-Punkte liegen ließ (aber davon später).

Interessant waren für mich aber auch die nachfolgenden Partieanalysen. Wieder einmal zeigte sich, wie viel das Schachspiel von psychologischen Komponenten beeinflusst ist. Ich bin sicher, da geht es allen so. Dazu möchte ich kritische Momente in vier der 5 Partien zeigen, vielleicht kann der eine oder andere Leser davon Erkenntnisse für sein Spiel gewinnen.

 

Runde 1: Haselsteiner – Lehmann.

Ausgangsituation: Mein Gegner war ELO-mäßig etwas schwächer. Ich strebte also den vollen Punkt. Die Eröffnung brachte eine ruhige Stellung, nach einem etwas schwächeren Zug entschloss ich mich, die Position zu verkomplizieren und nahm bewusst eine Verschlechterung der Bauernstruktur in Kauf.

Wenige Züge später dachte ich nach 23. De5? komplett auf Gewinn zu stehen, übersah dabei aber die einfache Antwort Lf5, die die Partie wieder ausglich.

(Sofort 23. Lh5!  hätte den Bauern gewonnen, da auf gh5 24. De5 mit Doppeldrohung auf Turm g8 und Mattdrohung folgt. Aber das natürlicheTad1 wäre auch gut gewesen). 

Falle 1: Sturheit: Da muss was gehen!!

Statt die Stellung mit Le2 und Zentralisierung der Türme normal weiter zu spielen knallte ich jetzt den Läufer mit 24. Lxh5? ins Geschäft. Ich sah auch dass Sc4! mit Ablenkung der Dame folgen würde, hoffte aber, dass es doch noch was gibt. Im Grunde war die Stellung danach kaputt, da der Läufer nach 25. Dd4 mit gh5 einfach kassiert wird.

Dennoch konnte ich im weiteren Verlauf Drohungen entwickeln und es entstand eine zwar noch nachteilige aber sehr komplexe Position nach 28 Tg3. Ich hatte nur mehr eine Minute bis zur Zeitkontrolle, etwas später verbrauchte auch mein Gegner sein Zeitpolster. Die Züge waren dementsprechend fehlerhaft, aber das hat nichts mit Psychologie zu tun.

Das Finale verlief aber dann absurd, dramatisch und salomonisch zu gleich.

Falle 2: Nur keine Panik auf der Titantic.

In dieser laut Computer ausgeglichen Position (Schwarz am Zug), hatte ich kein Gefühl mehr, wer besser stand. Zu verrückt waren die letzten Züge gewesen. Ich starrte nur mehr zwischen Uhr und Brett hin und her. Plötzlich sah ich das gewinnbringende Motiv 35. Txg6 gefolgt von Dxg6, wenn der Gegner im nächsten Zug nicht die 7. Reihe kontrollieren würde.

Schwarz spielte 34.  … Sf5??. Die 7. Reihe blieb frei. Triumpf!  Sofort reinreinknallen und Uuups. Ja, die 7 Reihe ist frei, aber nach 35. Tg6, fg6 36. Dg6+ Kh8 ist das Feld h6 nicht mehr frei. Und v.a.  wie mir erst nach der Partie klar wurde: Das simple 35. Txf5 hätte die Partie sofort für mich entschieden.

Resigniert zog ich meinen Springer auf g3 um wenigsten den Turm-Spieß auf g8 zu vermeiden. Und mein Gegner?

Auch er blieb im Panikmodus und schlug a tempo den Springer auf g3, womit er mir ein Dauerschach und das Remis ermöglichte. Ein salomonisches Urteil über zwei Schachpaniker!

 

Runde 2: Knödelseder - Haselsteiner.

Die Ausgangssituation: Mein Gegner Knödelseder Gotthart war ein Jugendlicher aus Bayern  (JG 2002) mit ca. 1700 Elo. In der ersten Runde hatte er gegen einen 1900-er remisiert. Ich war also gewarnt und vorsichtig.

Falle 3: Sich einen Fehler nicht eingestehen – (Rubrik abgebrühte Jungs)

In dieser Position zog der Jugendliche das zwar logisch wirkende, aber hier schlechte 6.  Le3. Mit Lb4! hat Schwarz sofort Ausgleich. Ich hatte die Position schon einige Male am Brett. Es gibt hier verschiedene Fortsetzungen für Weiß (z.B. Dd2, oder Sde2, was irgendwie komisch aussieht). Am schlechtesten ist aber weiter Gas zu geben. Mein Gegner bemerkte das Missgeschick und dachte länger nach. Schließlich entschied er sich für den Rückzug 7. Ld2 (!). Aus meiner Sicht eine sehr reife Entscheidung und das Beste, was man in dieser Situation machen kann. Nach dem Motto: „Ok, du hast einen Zug verschwendet, der Anzugsvorteil ist weg, aber es ist nichts schlimmes passiert.  Aber wer gesteht sich so was schon gerne ein? Gotthart war also in diese typische Falle nicht reingetappt! Chapeau!

Für mich hatte sich aber das psychologische Moment gedreht. Ich hatte die Eröffnungsphase „gewonnen“, fühlte mich moralisch im „Vorteil“, noch dazu auf heimischen Terrain und wollte Gas geben. Das Blatt sollte sich aber sehr schnell wieder wenden. Es folgte 7. … Sf6 8. Df3 (eine gute Entscheidung, da es pepp in die Stellung bringt und mich überraschte). Und ich forcierte mit 8. ..  d5.  Was aber schon fragwürdig ist und weiß einen leichten Vorteil bring.  Es folgte das logische 9.  ed5.

Was nun?

Falle 4: Mangelnde geistige Flexibilität – in diesem Fall: Angriff muss sein!

Geboten war 9. …  Sxd5. Und nach 10. Sxd5 De5+ tauscht Schwarz die Läufer mit Schach und Weiß steht kaum besser.  Ich spielte aber sofort das optisch gut wirkende 9. … De5+ in der Annahme, dass Weiß nun mit 10. De3 den König und Springer gleichzeitig schützen würde, und nach Damen Tausch meine Position gut wäre. Aber ich hätte gewarnt sein müssen: ein zweiter subtiler Rückzug, diesmal 10. Sde2, den ich aufgrund der dann verrammelten weißen Position gar nicht überlegt hatte, ist viel stärker.  Nach 10. … Sxd5 11. 000 Rochade stand ich schon sehr schlecht.

Ich entschloss mich. Mit 11. … Sc6 die Figur zu entwickeln, Damentausch zu erzwingen und dafür einen Bauern zu geben, in der Hoffnung, die Partie mit Minusbauern zu halten.  Aber mein Gegner gab sich keine Blöße und spielte die Partie souverän nach Hause.

Mein Trost: Gotthart beendete das Turnier ohne Niederlage mit 3 ½ Punkten als 6. und legte eine Eloperformance von knapp unter 2000 hin. Ein vielversprechendes Moment.

 

Runde 4 Putz – Haselsteiner

In der dritten Runde konnte ich gegen die Ranshofner Jugendspielerin Vizce Katja im Mittelspiel einen Bauern gewinnen und die Partie dann nach Hause spielen. Zum Thema hier gibt es aber nichts zu erzählen. Daher gleich zur 4 Begegnung mit einem Psychofallenklassiker im Schach – zu meinem Glück tappte aber der Gegner rein.

Ausgangsituation: Mein Ernst Putz war von der Elo-Stärke her nur sehr knapp hinter mir. Es gelang mir eine kleine Überraschung in der Eröffnung, und danach begann ein  äußerst subtiles, langwieriges Ringen um positionelle Vorteile. Die Stellung blieb aber immer im Gleichgewicht. Wir hatten in dieser Phase beide wirklich gutes Schach gespielt, aber es kostete auch viel Konzentration. Nach gut 20 Zügen hatte mein Gegner nur mehr 25 Minute, ich noch 46.

Im 21. Zug hatte ich Sge5 gespielt, damit den Springerzug nach c4 verhindert und gleichzeitig eine Gabeldrohung in Richtung f3 aufgestellt.

Ernst parierte mit Le4 und wenig später folgte ein größerer Abtausch. Mit folgender Stellung.

Falle 5: (zu frühes) Aufatmen, nachdem sich der Rauch gelichtet hat

In dieser Stellung (Nach dem Schlagen meiner Dame mit 26. Dxc6) überlegte ich auch mit bc6 zurückzunehmen, um die Drohung Sf6 aufrechtzuerhalten und die Verdoppelung der Türme nach Sxc6 zu verhindern. Natürlich würde das meine Bauernstruktur entwerten. Nach Sxc6 rechnete ich mit 27. Td7. Bei tieferer Betrachtung, war ich aber beruhigt, da Tf7 wohl jede Gefahr ausschaltet. Und plötzlich sah ich eine teuflische Falle und spielte tatsächlich das harmlos wirkende 26. … Sxc6. Prompt spielte mein Gegner das erwartete 27. Td7 und sah wohl keine Schwierigkeit mehr, die Partie trotz knapper werdender Zeit ins Remis zuführen. Aber die Falle war schon zugeschnappt. Mit der Rückkehr des Springers 27. … Se5! war aber plötzlich nicht nur der Turm direkt angegriffen, sondern auch die Gabel auf f3 nicht mehr parier bar. Die Kompensation mit dem Bauern auf b7 war zu wenig. Ich führte die Partie sicher zum Sieg.
Diesmal war ich Nutznießer der  typischen Psychofalle, dass man nicht mehr aufpasst, wenn die Stellung einfach und überschaubar geworden ist.

Runde  5: Haselsteiner – Auinger

In dieser Runde hatte ich meinen 3. starken Jugendlichen im Turnier, Auinger Marcel aus Hörsching, zum Gegner.

Ausgangssituation: Nach 17 Zügen (weiß am Zug) kam es nach Sd4 zu folgender Fesselungssituation.

Es folgten Td2, Db3 Td1 mit den entsprechenden Verteidigungszügen. Ich fand keine weitere klare Verstärkung und versuchte es mit a4, was aber in weiterer Folge zur Vereinfachung führte.  Nach 24. … Tb8 und Tausch der Bauern war die Stellung tot-remis.

Falle 6: Schatten der Vergangenheit

Noch einmal wollte ich es versuchen und griff nach Zwischenzügen den Springer mit Td8 an. In der absurden Annahme, dass Marcel diesen mit Tbb5 decken müsste und ich nach Schlagen des Springers und  f4 den Bauern auf d4 gemütlich mit dem König angreifen könnte.

Aber natürlich spielte mein Gegner das logische 28.  … Sc3 und plötzlich war ich im Nachteil. Nach 29. Te1 folgten aber nicht Tbb5 bzw. Te2 sondern 29. … Sxe4, was im Remis endete.

Auch wenn Marcel noch nicht ganz auf dem Level von Gotthart spielt, hatte auch er sehr abgebrüht agiert, meine Fesselungsversuche souverän abgeblockt und im richtigen Moment zum Konter ausgeholt. Auch er hatte mit einer Performance von ca. 1850 deutlich über seiner nominellen ELO-Zahl gespielt.

Fazit:  Wieviel stärker würden wir oft spielen, wenn wir uns nicht selber im Wege stehen würden. Angesichts der praktischen Stärke meiner Gegner und der spannenden Partien war ich aber mit meiner Leistung insgesamt zufrieden.

rv 25.12.2017